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Verlust der Stille

Tinnitus: Verlust der Stille
Die häufigsten Ursachen, die neuesten Therapien, was Sie selbst tun können
Tinnitus (lateinisch: Klingeln) ist die Bezeichnung für
Geräusche, die es eigentlich gar nicht gibt, die nur der Betroffene hört. Nach
einer Studie der Deutschen Tinnitus-Liga haben das fast 20 Millionen Deutsche
schon mal erlebt – meist bleibt es bei einem lästigen Pfeifen oder Sausen,
das nach spätestens fünf Minuten wieder verschwindet. Bei etwa 2,7 Millionen
Bundesbürgern aber setzt sich der Tinnitus im Ohr geradezu fest – über
Monate oder Jahre, oft sogar ein Leben lang. Ein Teil von ihnen leidet bis zur
Unerträglichkeit:„Die Patienten können nicht mehr schlafen, haben
Konzentrationsstörungen und bekommen oft Probleme im Beruf oder in der
Partnerschaft“, berichtet Dr. Karsten Plotz, Tinnitus-Spezialist am Hörzentrum
Oldenburg. Ein Teufelskreis entsteht: Der Dauerton im Ohr schürt Ängste und stürzt
die Betroffenen schnell in eine Depression, die die quälende Wahrnehmung des
Ohrgeräuschs noch verstärken kann. Dabei reicht die Klangpalette des Tinnitus
vom tiefen Brummen über scharfes Zischen bis zum schrillen Klingeln. „Am häufigsten
sind die hohen Töne“, weiß Plotz.
Ohrgeräusche, die maximal drei Monate bestehen, nennen die Ärzte akuten
Tinnitus. Auslöser sind oft Ohrerkrankungen wie Mittelohrentzündungen oder ein
Hörsturz. Auch ein Knalltrauma, also eine plötzliche starke Geräuschattacke
(häufigstes Beispiel: Silvesterknaller), kann einen akuten Tinnitus zur Folge
haben. Die gute Nachricht: Meistens verschwinden die Ohrgeräusche wieder.
Dennoch sollten Sie in jedem Fall einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufsuchen, wenn
der Tinnitus plötzlich auftritt und länger als einige Stunden oder sogar Tage
dauert. Nur der Fachmann kann die Ursache für das Dauergeräusch ermitteln. Je
früher die Therapie einsetzt, umso besser sind die Chancen auf Gesundung.
Außerdem kann der Arzt unter bestimmten Voraussetzungen durchblutungsfördernde
und abschwellende Mittel verabreichen. Diese Behandlung erhöht die Chance, dass
der Tinnitus schnell wieder aufhört. In vielen spezialisierten Zentren besteht
außerdem die Möglichkeit einer Therapie in einer Sauerstoff-Druckkammer, was
in Einzelfällen den akuten Tinnitus verschwinden lässt.
Halten die Ohrgeräusche länger als drei Monate an, sprechen die Ärzte von
chronischem Tinnitus. Noch ist unklar, warum sich die Geräusche auf Dauer im
Ohr einnisten. Manche Fachleute vermuten bleibende Schäden im Innenohr als
Ursache – etwa einen Defekt der feinen Haarsinneszellen, die die Töne entschlüsseln
und sie ans Hirn weiterleiten. Dazu passt, dass Patienten mit lang anhaltendem
Tinnitus
in den meisten Fällen schwerhörig sind – oft ohne es zu wissen. Auch
Verspannungen der Kiefermuskulatur fördern offenbar chronische Ohrgeräusche.
„Allerdings wirken sie wohl eher als Verstärker der Geräusche, nicht als
deren Ursache“, kommentiert Plotz.
Die Therapie Tinnitus nicht bekämpfen – sondern akzeptieren
Wie werden Sie nun Ihren Tinnitus wieder los? Privatdozent Dr. Gerhard Goebel,
Tinnitus-Experte an der psychosomatischen Klinik Roseneck am Chiemsee, gibt eine
ernüchternde Antwort: „Es gibt im Moment keine Behandlung, die chronische
Ohrgeräusche sicher zum Verschwinden bringt.
Doch Sie können lernen, mit Ihrem Tinnitus zu leben – so gut, dass Sie ihn
kaum noch oder gar nicht mehr wahrnehmen.“ Denn der Leidensdruck ist umso
geringer, je weniger Tinnitus ins Bewusstsein dringt. Gelingt es, die Ohrgeräusche
so weit auszublenden, dass sie nicht mehr als Belastung empfunden werden,
sprechen die Ärzte von kompensiertem Tinnitus: Die Geräusche bleiben, aber
ihre Wahrnehmung hat sich geändert. „So merkwürdig es klingt: Das Ziel der
Therapie besteht darin, mit dem Tinnitus quasi in trauter Zweisamkeit zu leben
– und ihn nicht bewusst zu bekämpfen. Ein solches Aufbäumen führt nur dazu,
dass die Ohrgeräusche noch stärker wahrgenommen werden“, erklärt Goebel.
Links:
Deutsche
Tinnitus-Liga e.V.
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